Diversifikationsstrategie
Definition: Die Diversifikationsstrategie ist die risikoreichste der vier Wachstumsstrategien aus der Ansoff-Matrix (Igor Ansoff, 1957) bei der ein Unternehmen neue Produkte oder Dienstleistungen für neue Märkte oder Zielgruppen entwickelt. Es werden gleichzeitig Produkt- und Marktrisiken eingegangen da weder das Produkt noch der Markt vertraut sind. Ansoff-Matrix (vier Felder): Marktdurchdringung (bestehende Produkte, bestehende Märkte – geringes Risiko); Marktentwicklung (bestehende Produkte, neue Märkte); Produktentwicklung (neue Produkte, bestehende Märkte); Diversifikation (neue Produkte, neue Märkte – höchstes Risiko). Diversifikationstypen: Horizontale Diversifikation (verwandte Produkte in ähnlichem Marktumfeld – Nike führt Sportgeräte zusätzlich zu Kleidung ein); Vertikale Diversifikation (Ausweitung auf vor- oder nachgelagerte Wertschöpfungsstufen – Apple eröffnet eigene Stores statt nur über Händler zu verkaufen); Laterale/Konglomerate Diversifikation (branchenfremde Bereiche ohne Synergie – Berkshire Hathaway: Versicherung + Lebensmittel + Eisenbahn).
Erläuterung
Diversifikation bietet Chancen zur Risikoverteilung, Erschließung neuer Wachstumsquellen und Nutzung bestehender Kompetenzen in neuen Märkten. Im Branding-Kontext birgt sie das spezifische Risiko der Markenverwässerung wenn neue Aktivitäten nicht zur bestehenden Markenidentität passen.
Erfolgreiche Diversifikationsstrategien
- Amazon: Ausgangspunkt: Online-Buchhandel (1994); horizontale Diversifikation: alle Produktkategorien (Media, Electronics, Apparel); vertikale Diversifikation: Amazon Logistics (eigene Lieferkette); laterale Diversifikation: Amazon Web Services (AWS – Cloud-Computing), Amazon Studios (Content), Amazon Alexa (Hardware); Branding-Lösung: starke Amazon-Dachmarke + separate Marken für stark abweichende Kategorien (AWS hat eigene B2B-Markenidentität); AWS: ~70% des Amazon-Operating-Income trotz nur ~15% des Umsatzes
- Alphabet/Google: Diversifikation durch Umstrukturierung 2015: Google LLC als operative Holding unter Alphabet Inc.; Waymo (autonomous driving), DeepMind (AI research), Verily (healthcare), Google X (Moonshots) als eigenständige Marken unter Alphabet-Dach; Branding-Rationale: Google-Markenpersönlichkeit nicht mit spekulativen Projekten verbinden; ermöglicht Fehlschlag-Isolierung
- Virgin Group: Extremste Diversifikation mit einheitlicher Marke: Virgin Atlantic (Airlines), Virgin Media (Telekommunikation), Virgin Money (Finanzdienstleistungen), Virgin Galactic (Raumfahrt), Virgin Active (Fitness); gemeinsamer Brand-Nenner: Herausforderer-Mentalität, Qualität, Spaß, Kundenfreundlichkeit; Richard Bransons Persönlichkeit als CI-Klammer; Risiko: wenn eine Virgin-Marke scheitert oder Skandal hat – Übertragung auf alle anderen
Branding-Implikationen der Diversifikation
- Markenverwässerungsrisiko: Wenn neue Aktivitäten nicht zur bestehenden Markenidentität passen; Harley-Davidson Eau de Cologne (1994): gescheitert weil zu weit von Kernidentität (Freiheit/Rebellion) entfernt; Colgate Kitchen Entrees (1982): Zahnpasta-Marke im Lebensmittelbereich – massiver Flop wegen Assoziationskonflikt; Brand Fit als Entscheidungskriterium: passt das neue Angebot zu bestehenden Markenassoziationen?
- Brand Architecture bei Diversifikation: Branded House: eine Marke für alle Aktivitäten (Virgin, Amazon); Vorteil: Marketingsynergien; Risiko: Markenverwässerung; House of Brands: eigenständige Marken pro Aktivität (P&G); Vorteil: keine Verwässerung; Nachteil: hohe Markenaufbaukosten; Endorsed Architecture: Alphabet endorses Google/Waymo/Verily; kompromiss: individuelle Identität + Konzern-Sicherheit
- Ressourcen- und Kompetenz-Check: Kernfrage: Welche bestehenden Kompetenzen können transferiert werden?; Amazon-AWS: technische Infrastruktur-Kompetenz aus E-Commerce auf Cloud angewandt; Apple Retail: Produkt-Design-Kompetenz auf Store-Design angewandt; fehlt der Kompetenz-Transfer → meist akquisitorische Diversifikation sinnvoller als organische
Erfolgsbedingungen und Entscheidungsrahmen
- Entscheidungsmatrix: Brand Fit (hoch/niedrig) × Kompetenz-Transfer (hoch/niedrig); höchste Erfolgswahrscheinlichkeit: hoher Brand Fit + hoher Kompetenz-Transfer (Amazon: Bücher→Elektronik→AWS); höchstes Risiko: niedriger Brand Fit + niedriger Kompetenz-Transfer (laterale Diversifikation in fremde Branche ohne Kompetenz)
- Testphase vor Vollausbau: Diversifikation als Pilotprojekt unter alternativer Marke testen bevor Muttermarke engagiert wird; reduziert Reputationsrisiko bei Scheitern; ermöglicht echte Marktvalidierung bevor Kernmarken-Ressourcen eingesetzt werden; Google Glass: unter Google-Marke getestet → Flop hatte direkte Google-Markenauswirkung