Markenbewertungsmodelle
Definition: Markenbewertungsmodelle sind systematische Ansätze und Methoden zur Ermittlung des monetären oder strategischen Werts einer Marke für unterschiedliche Zwecke (M&A, Bilanzierung, Lizenzierung, interne Steuerung, Investorenkommunikation). Drei grundlegende Bewertungsansätze: Kostenbasierter Ansatz: Was hat die Marke bisher gekostet aufzubauen? (historische Investitionen); Marktbasierter Ansatz: Was würde eine vergleichbare Marke am Markt kosten? (Transaktionsdaten); Ertragswertbasierter Ansatz: Welche zukünftigen Cashflows sind der Marke zuzuschreiben? (DCF-Methode). Marktführende kommerzielle Modelle: Interbrand («Best Global Brands» – DCF + Markenrolle + Markenstärke); Brand Finance (Royalty-Relief-Methode, ISO-konform); BrandZ/Kantar (konsumentenbasiertes Survey-Modell); Aaker-Modell (verhaltensbasiert, für interne Steuerung). Wichtig: gleiche Marke wird von verschiedenen Modellen unterschiedlich bewertet – Apple 2023: Interbrand 502 Mrd. USD, Brand Finance 516 Mrd. USD, BrandZ 880 Mrd. USD. Methodische Unterschiede erklären die Divergenz, nicht falsche Messungen.
Erläuterung
Markenbewertung war lange ein akademisches Randthema – erst als Unternehmen wie Nestlé in den 1980ern für den Kauf von Marken deutlich über Buchwert zahlten entstand der Bedarf nach objektiven Bewertungsmethoden. ISO 10668 standardisierte 2010 die Anforderungen an Markenbewertungen und schuf damit Grundlage für akzeptierte externe Gutachten.
Die drei Bewertungsansätze im Detail
- Kostenbasierter Ansatz: Historische Kosten: Summe aller Investitionen in den Markenaufbau (Werbung, Design, PR, Namensentwicklung); Wiederbeschaffungskosten: was würde es heute kosten diese Marke neu aufzubauen?; Vorteil: einfach berechenbar, nachprüfbar; Nachteil: Kosten ≠ Wert – Apple hat viele Milliarden in Marketing investiert, aber der Markenwert übersteigt Investitionen um ein Vielfaches; Anwendung: selten für externe Bewertungen, oft als Plausibilitäts-Untergrenze
- Marktbasierter Ansatz: Vergleich mit ähnlichen Markentransaktionen (Lizenzgebühren, Kaufpreisen); Datenbasis: tatsächliche M&A-Transaktionen bei denen Markenwert explizit ausgewiesen wurde; Vorteil: marktnah und objektiv; Nachteil: einzigartige Marken haben kaum Vergleichsmarken; Royalty-Rate-Datenbanken (ktMINE, RoyaltySource): branchenübliche Lizenzraten als Benchmark
- Ertragswertbasierter Ansatz (DCF-Methode): Grundprinzip: zukünftige der Marke zurechenbare Cashflows werden auf heutigen Wert abgezinst; Kernfrage 1: Wie hoch sind die zukünftigen Umsätze/Erträge? (Finanzprognose); Kernfrage 2: Welcher Anteil dieser Erträge ist der Marke zuzuschreiben? (vs. anderen Faktoren wie Produkt, Distribution); Kernfrage 3: Mit welchem Diskontierungssatz abdiskontieren? (abhängig von Markenstärke und Risiko); dominanter Ansatz für professionelle externe Bewertungen
Kommerzielle Markenbewertungsmodelle im Vergleich
- Interbrand-Modell: Basis: DCF-Methode + Markenrolle + Markenstärke (10 Faktoren 0–100); jährliches «Best Global Brands»-Ranking; Mindestvoraussetzungen: globale Präsenz, >1/3 Umsatz außerhalb Heimatmarkt, öffentliche Finanzdaten; Kritik: eingeschränkte Methodentransparenz bei Gewichtung der Markenstärke-Faktoren; Stärke: jährliche Konsistenz ermöglicht Zeitreihenverfolgung
- Brand Finance (Royalty-Relief-Methode): Methode: hypothetische Lizenzzahlung – was müsste ein Lizenznehmeer zahlen um die Marke nutzen zu dürfen?; Royalty-Rate × Umsatzprognose × DCF = Markenwert; ISO 10668- und ISO 20671-konform = anerkannt für Bilanzierungszwecke; höchste Methodentransparenz unter den Modellen; «Brand Finance Global 500» und sektorspezifische Rankings
- BrandZ/Kantar: Einziger Ansatz der primär auf Konsumentenbefragungen basiert; jährlich über 4 Millionen Konsumenten in 51 Ländern befragt; misst «Brand Contribution» = konsumentenbasierter Anteil an der Kaufentscheidung; Kombination mit Finanzdaten; Apple 2023: 880 Mrd. USD (deutlich höher als Interbrand wegen starker Konsumenten-Brand-Contribution-Werte)
- Aaker-Modell (konsumenten- und verhaltensbasiert): David Aaker: Brand Equity = Markenloyalität + Bekanntheit + wahrgenommene Qualität + Markenassoziationen + sonstige Markenwerte; kein singulären monetären Wert sondern multidimensionales Steuerungssystem; stärker für interne Markensteuerung und Marketingentscheidungen als für externe Bewertungen; operationalisierbar durch Befragungen ohne komplexe Finanzmodelle
ISO 10668 und regulatorische Anforderungen
- ISO 10668 (Markenbewertung): Internationaler Standard für Anforderungen an Markenbewertungen (2010 veröffentlicht, 2021 aktualisiert als ISO 20671); definiert Bewertungsprinzipien, nicht spezifische Methoden; Anforderungen: finanzielle, verhaltensbasierte und rechtliche Analyse müssen berücksichtigt werden; erforderlich für Bilanzierungszwecke, Due Diligence, Bankfinanzierungen mit Marke als Sicherheit
- IFRS 3 (Business Combinations): Pflicht: bei Unternehmenserwerb müssen immaterielle Werte inkl. Marken separat bilanziert werden; Goodwill-Allokation: Restgröße nach Abzug identifizierbarer immaterieller Werte (inkl. Marken); nach Akquisition: Marken werden im Jahresabschluss ausgewiesen und jährlich auf Werthaltigkeit geprüft (Impairment Test)
- Anwendungsfelder: M&A: Kaufpreisallokation und Due Diligence; Markenlizenzierung: marktgerechte Lizenzraten bestimmen; Investorenkommunikation: Markenwert als Teil des Brand Equity Reporting; Strategische Markensteuerung: welche Marken im Portfolio sind underperforming? Markenversicherung: Markenwert als Basis für Versicherungsschutz