Rechnungskauf
Definition: Rechnungskauf (auch «Kauf auf Rechnung» oder «Pay After Delivery») ist eine Zahlungsart im E-Commerce, bei der der Käufer die Ware zuerst erhält und erst nach einer definierten Frist – typisch 14 bis 30 Tage – bezahlt. Er ist in Deutschland und Österreich die meistgewünschte Zahlungsart, da er das Zahlungsrisiko vollständig auf den Käufer zugunsten des Händlers und umgekehrt eliminiert: Kunden müssen nicht in Vorleistung gehen, und können die Ware prüfen bevor sie zahlen. Für Händler birgt er jedoch Zahlungsausfallrisiko und Mahnaufwand – weshalb die meisten Shops das Risiko an spezialisierte Anbieter auslagern.
Erläuterung
Das Misstrauen gegenüber Vorauszahlung ist im deutschen Kulturraum tief verwurzelt. Rechnungskauf ist die direkte Antwort: Der Käufer zahlt erst wenn er die Ware hat und damit das Vertrauen in Händler und Produkt bestätigt hat. Wer Rechnungskauf nicht anbietet, verliert in DACH nachweislich Conversion – Studien zeigen Checkout-Abbruchraten von 15–30 %, wenn die bevorzugte Zahlungsart fehlt.
Funktionsweise im Checkout
- Bestellung: Kunde wählt «Rechnung» im Checkout; Bonitätsprüfung durch Anbieter in Echtzeit (Schufa, Creditreform, interne Scores); bei Genehmigung: Bestellung wird ausgelöst
- Versand: Händler versendet Ware wie normal; keine Vorabzahlung; Rechnung liegt als PDF bei oder wird per E-Mail verschickt
- Zahlungsfrist: Typisch 14–30 Tage ab Rechnungsdatum; je nach Anbieter unterschiedlich; Klarna: 30 Tage; PayPal «Später bezahlen»: 30 Tage; Ratepay: 14 oder 30 Tage
- Zahlungsabwicklung: Bei externem Anbieter: Händler erhält sofort das Geld; Anbieter übernimmt Inkasso und Mahnwesen; bei eigener Abwicklung: Händler wartet auf Zahlung und managt Mahnprozess selbst
- Rücksendung: Retoure vor Zahlungsziel: Rechnung wird storniert oder reduziert; nach Zahlung: Erstattung durch Händler oder Anbieter
Anbieter und PSP-Absicherung
- Klarna (Sofort/Später bezahlen): Marktführer in DACH; 30 Tage Zahlungsziel; Händler bekommt Geld sofort; Klarna übernimmt Ausfallrisiko; Gebühr: 0,35 € + 2,99 %; starkes Käufer-Branding; «Jetzt kaufen, später bezahlen» als Conversion-Booster
- Ratepay: Auf DACH spezialisiert; Rechnungskauf, Lastschrift und Ratenzahlung; Echtzeit-Bonitätsprüfung; Händlergebühr: ca. 1,2–2 % + Fix; starke B2B-Komponente; direkte Shopsystem-Integrationen
- PayPal «Später bezahlen»: Rechnungskauf über PayPal-Konto; 30 Tage Zahlungsziel; nur für bestehende PayPal-Nutzer; Händler-Gebühr im regulären PayPal-Fee enthalten; einfache Integration für Shopify/WooCommerce
- PAYONE / Unzer: Enterprise-Anbieter für grössere Shops; eigene Bonitätsprüfung und Forderungsmanagement; White-Label-Option für eigenes Branding; B2B-Fokus möglich
- Eigene Abwicklung: Nur für sehr vertrauenswürdige Stammkunden oder B2B; hohes Ausfallrisiko; eigener Mahnprozess nötig; Factoring als Alternative für sofortigen Cashflow
B2B-Rechnungskauf
- Standard im B2B: Unternehmen bestehen fast ausnahmslos auf Zahlungsziel; 30, 60 oder 90 Tage nach Rechnungsdatum üblich; kein Rechnungskauf = kein B2B-Geschäft
- Bonitätsprüfung: Creditreform oder Schufa-Unternehmensabfrage; Kreditlimits je Unternehmen festlegen; Stammkunden höhere Limits als Neukunden
- Cashflow-Management: Offene Forderungen binden Liquidität; Factoring-Dienstleister (Billie, Teylor, Timo) zahlen sofort und übernehmen Forderungsmanagement; Kosten ca. 1,5–3 % des Rechnungsbetrags
- Umsatzsteuerliche Pflichten: Rechnungen müssen alle Pflichtangaben enthalten (USt-ID, Rechnungsnummer, Leistungsdatum etc.); fehlende Angaben gefährden Vorsteuerabzug des Käufers; automatisierte Rechnungsstellung empfohlen
Risiken und Wirtschaftlichkeit
- Zahlungsausfallquote: Im B2C-E-Commerce typisch 0,5–2 %; im B2B höher bei nicht-geprüften Neukunden; übersteigt oft PSP-Gebühren – Outsourcing rechnet sich meist
- Conversion-Vorteil: Rechnungskauf-Angebot erhöht Checkout-Conversion typisch um 5–20 % im DACH-Markt; besonders bei Ersteinkäufen neuer Kunden; Versandkosten werden eher akzeptiert wenn kein Kapital vorgestreckt wird
- Retourenkomplexität: Bei Rechnungskauf müssen Retouren vor Zahlungsziel verrechnet werden; Systeme müssen Rechnungsbetrag bei Teilretoure korrekt aktualisieren; erhöhter Prozessaufwand
- Missbrauchsrisiko: Mehrfache Bestellungen auf falsche Identitäten («Identitätsmissbrauch»); Bonitätsprüfung schützt; Neukunden-Limit empfohlen; Adress-Validierung als erste Schutzstufe