Pricing Research
Definition: Pricing Research bezeichnet den systematischen Einsatz von Marktforschungsmethoden, um die optimale Preisgestaltung für Produkte oder Dienstleistungen zu ermitteln. Dabei werden Zahlungsbereitschaft (Willingness to Pay), Preissensitivität und Preiswahrnehmung von Konsumenten gemessen und analysiert. Das Ziel ist es, denjenigen Preis zu identifizieren, der Absatz, Umsatz oder Deckungsbeitrag unter Berücksichtigung der Wettbewerbssituation und der Markenpositionierung maximiert. Pricing Research umfasst sowohl direkte Befragungsansätze (bei denen Teilnehmer explizit nach ihrer Preisbereitschaft gefragt werden) als auch indirekte Methoden (bei denen die Zahlungsbereitschaft implizit aus Präferenzentscheidungen abgeleitet wird) sowie verhaltensbasierte Ansätze (die tatsächliches Kaufverhalten aus Transaktionsdaten oder kontrollierten Experimenten auswerten). Die Notwendigkeit von Pricing Research ergibt sich aus der zentralen Erkenntnis der Preispsychologie: Konsumenten können ihre Zahlungsbereitschaft oft nicht zuverlässig selbst einschätzen, und ein falsch gesetzter Preis führt entweder zu entgangenem Umsatz durch Unterbepreisung oder zu Absatzverlusten durch Überbepreisung.
Erläuterung
Die strategische Bedeutung des Preises für den Unternehmenserfolg ist in der Marketingliteratur unbestritten: Hermann Simon hat in seinem Standardwerk „Preismanagement" (Gabler, 4. Aufl. 2016) empirisch gezeigt, dass eine Preiserhöhung um 1 % bei einem durchschnittlichen Unternehmen den Gewinn um 8–12 % steigert – einen weitaus stärkeren Hebel als 1 % mehr Umsatzvolumen oder 1 % Kostensenkung. Gleichzeitig treffen viele Unternehmen ihre Preisentscheidungen auf der Basis von Kostenkalkulationen oder Wettbewerbsbeobachtung, ohne die tatsächliche Wertwahrnehmung ihrer Kunden systematisch zu erheben.
Eine zentrale Herausforderung im Pricing Research liegt darin, dass direkte Preisfragen zu Antwortverzerrungen führen. Wenn Teilnehmer einer Umfrage gefragt werden, was ihnen ein Produkt wert ist, neigen sie dazu, einen Preis zu nennen, der deutlich unter ihrer tatsächlichen Zahlungsbereitschaft liegt – aus Vorsicht, strategischen Überlegungen oder schlicht wegen fehlender Reflexion. Deshalb gelten indirekte Methoden wie die Conjoint-Analyse in der Forschungspraxis als valider. Bei der Conjoint-Analyse müssen Befragte zwischen Produktkonfigurationen wählen, bei denen Preis und andere Attribute gemeinsam variieren, sodass die Preisbereitschaft aus den Entscheidungsmustern mathematisch geschätzt werden kann (Green & Rao, „Conjoint Measurement for Quantifying Judgmental Data", 1971).
Im E-Commerce hat die Verfügbarkeit von Transaktionsdaten neue Möglichkeiten für verhaltensbasiertes Pricing Research geschaffen. Preiselastizitätsmodelle auf Basis historischer Absatzdaten oder kontrollierte Preistests (A/B-Tests mit verschiedenen Preispunkten) liefern Erkenntnisse, die nicht auf hypothetischen Befragungsantworten beruhen, sondern auf echtem Kaufverhalten. Airbnb, Amazon und Booking.com nutzen derartige Experimente kontinuierlich, um ihre Preisalgorithmen zu kalibrieren.
Zentrale Methoden des Pricing Research
- Van-Westendorp-Preissensitivitätsmessung (PSM): Vier Fragen nach akzeptablen Preisbereichen identifizieren einen „akzeptablen Preisbereich" und einen „optimalen Preispunkt" (indifferent price point). Einfach durchzuführen und gut kommunizierbar, aber für komplexe Produktkontexte eingeschränkt valide (van Westendorp, 1976).
- Gabor-Granger-Methode: Teilnehmer werden bei verschiedenen Preisstufen nach ihrer Kaufbereitschaft gefragt, woraus sich eine Preis-Absatz-Kurve und ein umsatzmaximierender Preis ableiten lassen. Besonders geeignet für Produkte mit klaren Kaufentscheidungen.
- Conjoint-Analyse: Indirekte Methode, bei der Teilnehmer Produktkonfigurationen bewerten oder paarweise vergleichen; ermöglicht die Berechnung von Nutzenwerten für Preisstufen und anderen Attributen sowie von Preis-Volumen-Simulationen.
- Preiselastizitätsmodellierung: Auswertung historischer Transaktionsdaten zur Quantifizierung der Nachfragereaktion auf Preisänderungen; besonders zuverlässig, aber setzt ausreichende Preisvariation in den historischen Daten voraus.
- A/B-Preistests: Kontrollierte Experimente, bei denen verschiedene Kundengruppen unterschiedliche Preise sehen; gold standard für die Messung tatsächlicher Kaufeffekte, erfordert aber sorgfältiges Versuchsdesign und rechtliche Prüfung.
- BPTO (Brand-Price-Trade-Off): Teilnehmer wählen zwischen verschiedenen Marken zu wechselnden Preisen; misst den Einfluss von Markenwahrnehmung auf die Preisbereitschaft und ist im Markenkontext besonders wertvoll.
Strategische Preisansätze und ihre Forschungsgrundlagen
- Value-Based Pricing: Setzt den Preis in Relation zum wahrgenommenen Kundennutzen statt zu Kosten oder Wettbewerb; erfordert tiefes Verständnis des Kundenwerts, das durch qualitative Forschung und Conjoint-Analysen gewonnen wird.
- Dynamische Preisgestaltung: Algorithmusbasierte Echtzeit-Anpassung von Preisen an Nachfrage, Bestand und Wettbewerbspreise; basiert auf kontinuierlich aktualisierten Elastizitätsmodellen.
- Psychologische Preisgestaltung: Nutzung von Schwellenpreisen (9,99 statt 10,00), Ankerpreisen und Preisrahmen; experimentell gut belegt durch Forschungen von Kahneman & Tversky (Prospect Theory) und Ariely (Predictably Irrational, 2009).
- Preisdifferenzierung und Preisbündelung: Verschiedene Preise für verschiedene Segmente oder Pakete; optimale Bundelstrategien werden durch Conjoint-Analyse und Simulationen bestimmt.