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Guerrilla Testing

Definition: Guerrilla Testing (auch: Corridor Testing, Hallway Testing, Pop-Up Testing) ist eine informelle, kostengünstige Usability-Testmethode bei der ein Produkt, Prototyp oder Interface spontan mit zufällig ausgewählten oder opportunistisch angesprochenen Personen im öffentlichen Raum oder Büroumgebung getestet wird – ohne aufwendige Vorab-Rekrutierung, Labor-Infrastruktur oder hohe Budgets. Typische Guerrilla-Testing-Orte: Cafés (Starbucks, Coworking-Spaces); Bibliotheken; Büroflure (Corridor Testing im wörtlichen Sinne); Einkaufszentren; Konferenzen und Messen; Universitätscampusse. Methodische Merkmale: kurze Sessions (10–20 Minuten pro Person); 3–8 Testpersonen typisch; keine strenge Zielgruppen-Übereinstimmung (Kompromiss gegenüber formalem Testing); Think-Aloud-Protokoll; Fokus auf offensichtliche Usability-Probleme; Stärken: schnell (ein Tag = mehrere Tests); kosteneffizient (kein Labor; kein Incentive nötig oder kleines Incentive wie Kaffee); sofortige Erkenntnisse; früh im Prozess einsetzbar; Schwächen: keine garantierte Zielgruppen-Repräsentativität; öffentlicher Kontext kann Testqualität beeinflussen; nicht für sicherheits- oder compliance-relevante Tests; kein Video-Recording-Setup; eingeschränkte statistische Auswertbarkeit.

Erläuterung

Der Begriff «Guerrilla Testing» als Usability-Praxis wurde maßgeblich durch Steve Krug (UX-Berater; Boston; «Don't Make Me Think», New Riders Press, 2000; «Rocket Surgery Made Easy», New Riders Press, 2009) popularisiert. Krug's zweites Buch formulierte explizit das Konzept des «do-it-yourself usability testing» mit dem Ansatz «testing with anyone is vastly better than testing with no one» – die Grundidee hinter Guerrilla Testing. Krug argumentierte dass die meisten Teams mit geringem Budget besser beraten sind, monatlich 3–5 informelle Guerrilla-Tests durchzuführen statt einmal pro Jahr einen aufwendigen formalen Usability-Test zu organisieren: regelmäßige kleine Tests decken mehr Probleme früher auf als seltene große Tests. Jakob Nielsen und Tom Landauer (Nielsen Norman Group/Bellcore; Research-Artikel «A mathematical model of the finding of usability problems», CHI Proceedings, 1993) zeigten mathematisch dass 5 Testpersonen genügen um 85% der schwerwiegendsten Usability-Probleme zu identifizieren (bei einer angenommenen Problem-Entdeckungswahrscheinlichkeit von 31% pro Nutzer pro Problem) – dieses «Magic Number 5»-Prinzip wird häufig als Legitimation für kleine Guerrilla-Test-Samples zitiert, obwohl Nielsen selbst präzisierte dass die Zahl sehr stark von Produkt-Komplexität und Nutzer-Heterogenität abhängt. Jeff Patton (Product Discovery; «User Story Mapping», O'Reilly, 2014) beschrieb Guerrilla Testing als Standard-Praxis in agilen Teams wo kurze Zyklen keine Zeit für langwierige Forschungsprozesse lassen; Discovery-Sprints bei Google Ventures (Jake Knapp; «Sprint», Simon & Schuster, 2016) integrierten halb-formales Ein-Tag-Testing mit 5 Teilnehmern als systematische Methode zwischen formalem Lab und informellem Guerrilla-Testing. Die Grenzen von Guerrilla Testing wurden von Erika Hall («Just Enough Research», A Book Apart, 2013; Mule Design, San Francisco) klar beschrieben: wenn das Produkt eine sehr spezifische Fachzielgruppe hat (Chirurgen, Buchhalter, Landwirte) sind zufällige Café-Besucher als Testpersonen ungeeignet; Guerrilla Testing eignet sich nur für allgemein zugängliche Consumer-Produkte oder wenn grundlegende Usability-Fragen ohne Fachkenntnisse testbar sind.

Durchführung und Testleitfaden

Grenzen, Alternativen und wann formales Testing nötig ist

Praxistipp: Das Wichtigste beim Guerrilla Testing: Keine Erklärungen geben wenn die Testperson steckt. Das Schweigen ist unbequem aber wertvoll – jede Sekunde in der der Nutzer wartet ohne zu wissen wie er weitermachen soll ist ein echtes Usability-Problem das behoben werden muss. Formulieren Sie außerdem nie Aufgaben die den Weg verraten («Klicken Sie auf den grünen Button im Header»), sondern immer das Ziel («Finden Sie heraus ob das Produkt in Ihre Lieblingsfarbe erhältlich ist»). Der Unterschied macht aus ob Sie Usability wirklich testen oder nur ob Personen Ihre eigene Beschriftung lesen können.