Marketing Glossar

2.413 Fachbegriffe aus 22 Bereichen des Online Marketings

Navigation (UX)

Definition: Navigation im UX-Kontext bezeichnet das Gesamtsystem von Interface-Elementen, Strukturen und Interaktionsmustern das Nutzern ermöglicht sich in einer Website oder digitalen Anwendung zu orientieren, zwischen verschiedenen Bereichen und Inhalten zu wechseln und ihre Ziele zu finden – Navigation ist das primäre Werkzeug zur Umsetzung von Informationsarchitektur in interaktiver Form. Navigationstypen nach Peter Morville und Louis Rosenfeld («Information Architecture for the World Wide Web», O'Reilly, 1998; 4. Auflage 2015): Globale Navigation (siteweit auf jeder Seite sichtbar; typisch in Header; zeigt Hauptbereiche); Lokale Navigation (Unternavigation des aktuellen Hauptbereichs; Sidebar oder Sub-Header); Kontextuelle Navigation (In-Content-Links zu verwandten Themen; steigert interne Verlinkung); Ergänzende Navigation (Footer, Sitemap, Sekundärpfade); Utility-Navigation (Login, Suche, Warenkorb; funktionale statt inhaltliche Navigation). Navigations-Qualitätskriterien: Findability (Nutzer findet Zielinhalte in angemessener Zeit); Orientierung (Nutzer weiß immer wo er sich befindet: Active-States, Breadcrumbs); Zugänglichkeit (Tastatur-Navigation, Skip-Links, WCAG 2.4); Konsistenz (Navigationselemente an gleicher Position auf allen Seiten); Labeling (Nutzerbegriffe statt Unternehmenssprache); Skalierbarkeit (Navigation wächst mit wachsendem Content ohne zu kollabieren). Mobile-Navigation-Patterns: Tab-Bar am unteren Bildschirmrand (iOS/Android-Pattern für primäre Navigationen mit bis zu 5 Items); Hamburger-Menü (Icon mit 3 Linien öffnet Drawer-Navigation; kontrovers wegen schlechterer Discoverability); Bottom-Sheet-Navigation; Progressive-Disclosure-Navigation.

Erläuterung

Die theoretische Grundlage für digitale Navigation entstammt der Wayfinding-Forschung aus Stadtplanung und Architektur. Kevin Lynch (MIT; Cambridge; MA; «The Image of the City», MIT Press, 1960) analysierte wie Menschen sich in Städten orientieren und identifizierte fünf mentale Kategorien: Paths (Wege die man entlanggeht), Edges (Grenzen zwischen Bereichen), Districts (erkennbare Zonen), Nodes (Kreuzungspunkte) und Landmarks (Orientierungspunkte); Gareth Forden und seine Nachfolger übertrugen Lynchs Wayfinding-Framework auf digitale Interfaces und erkannten dass Navigation das digitale Äquivalent zu Lynchs Stadtstrukturen bildet. Don Norman (Nielsen Norman Group; San Francisco; CA; «The Design of Everyday Things», Basic Books, 1988; überarbeitet 2013) beschrieb Navigations-Affordances: gut gestaltete Navigation signalisiert durch visuelle Affordances was anklickbar ist und wohin es führt; Norman's Konzept des «Gulf of Evaluation» (Nutzer kann nicht erkennen ob seine Aktion zum Ziel führt) ist direkt auf schlechte Navigation anwendbar wenn Links keine klare Destination signalisieren. Jakob Nielsen (Nielsen Norman Group; Fremont; CA; «Designing Web Usability», New Riders, 2000) etablierte durch Web-Usability-Studien 1994–2000 die fundamentalen Navigations-Heuristiken: Nutzer sind nicht auf der Startseite (»You are not always on the homepage«); 55% der Nutzer einer Fortune-500-Unternehmenswebsite scheiterten 2000 beim Auffinden von Zielinformationen durch schlechte Navigation; Navigations-Labels müssen selbst-erklärend sein. Eye-Tracking-Studien von Nielsen (nngroup.com; 2006; F-Pattern-Studie mit 232 Nutzern) zeigten dass Nutzer Navigation primär im oberen und linken Bereich erwarten; Abweichungen von diesem mentalen Modell erhöhen die kognitive Last. Donna Spencer (australische IA-Expertin; «Card Sorting: Designing Usable Categories», Rosenfeld Media, 2009) und Sam Ng (Optimal Workshop; Wellington; Neuseeland; 2007) entwickelten die Standard-Forschungsmethoden für Navigation-Validierung: Card Sorting für Kategorien-Entwicklung; Tree Testing (Treejack) für quantitative Navigationspfad-Validierung ohne visuelles Design. Steve Krug (Usability-Berater; «Don't Make Me Think», New Riders, 2000; 3. Auflage, New Riders, 2014) formulierte das Navigations-Prinzip prägnant: jede Seite sollte auf einen Blick beantworten (1) Wo bin ich? (2) Was kann ich hier tun? (3) Wo war ich? (4) Wohin kann ich gehen? Gerry McGovern (irischer Content-Stratege; Dublin; «Top Tasks: A How-to Guide», Silver Beach Publishing, 2018) entwickelte die Top-Tasks-Methodik für Navigation-Prioritisierung: durch Umfragen mit Tausenden Nutzern identifiziert man die 5–10 wichtigsten Aufgaben die 25–30% aller Navigation-Intentions ausmachen; diese Top-Tasks müssen in der Navigation prominenteste Position erhalten unabhängig von internen Prioritäten.

Navigationstypen, Patterns und Mobile-Navigation

WCAG-Navigation-Anforderungen und Skip-Navigation

Praxistipp: Testen Sie Ihre Navigation nicht mit Kollegen sondern mit echten Nutzern die Ihre Website nicht kennen. Der einfachste Test: Bitten Sie 5 Personen je 3 typische Aufgaben zu lösen («Finden Sie den Kontakt für technischen Support» / «Finden Sie die Preise für das Pro-Paket»). Zählen Sie nicht wie viele Klicks sie brauchen sondern ob sie beim ersten Klick die richtige Richtung wählen – das ist der zuverlässigste Indikator für eine gute Navigationsstruktur. Wenn 3 von 5 Nutzern beim gleichen ersten Klick falsch liegen, haben Sie ein Labeling- oder Strukturproblem das keine Designoptimierung lösen kann – nur eine Neustrukturierung.