Marketing Glossar

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User Research

Definition: User Research (Nutzerforschung; UX-Research) bezeichnet alle systematischen Methoden zur Erforschung der Bedürfnisse, Verhaltensweisen, Motivationen, mentalen Modelle und Nutzungskontexte von Zielgruppen – als empirische Grundlage für nutzerzentrierte Design- und Produktentscheidungen. Research-Dimensionen: Ziel-Dimension: Generative Forschung (auch: Discovery Research; Explorative Forschung): Problem-Entdeckung; Hypothesen-Generierung; Verstehen von Nutzer-Kontext und -Motivationen; Methoden: Interviews; Contextual Inquiry; Diary Studies; Ethnografie; Evaluative Forschung (auch: Validierungs-Research): Lösungs-Bewertung; Prototype-Testing; Usability-Evaluation; Methoden: Usability-Tests; A/B-Tests; SUS; Datentyp-Dimension: Qualitative Forschung («Warum»-Antworten; Tiefenverständnis; kleine Stichproben; nicht-numerisch; Interviews; Contextual Inquiry; Think-Aloud); Quantitative Forschung («Wie viel»/«Wie oft»-Antworten; statistische Repräsentativität; große Stichproben; numerisch; Surveys; Analytics; A/B-Tests); Mixed Methods: Kombination für vollständiges Bild; Verhalten-Dimension: Attitudinal Research (was Nutzer sagen; Selbstauskünfte; Surveys; Interviews); Behavioral Research (was Nutzer tun; beobachtet oder gemessen; Usability-Tests; Analytics; Eye-Tracking); das Grundproblem der Nutzerforschung: «What people say and what people do are very different things» (Henry Ford; oft zitiert in UX-Kontexten); Behavioral Research ist reliablerer Indikator als Attitudinal Research.

Erläuterung

Die wissenschaftliche Fundierung von User Research entstand an der Schnittstelle von angewandter Psychologie, Soziologie und Informatik. Kurt Lewin (University of Berlin; Berlin; danach Iowa State University; Iowa City; IA; «Action Research and Minority Problems», Journal of Social Issues, 1946) entwickelte das Action Research-Modell: Forschen und Handeln als integrierter Zyklus statt Forschung vor dem Handeln; für User Research übersetzt: kontinuierliche Forschung im Design-Prozess statt einmalige Vor-Projekt-Studie. Hugh Beyer (Digital Equipment Corporation; DEC; Maynard; MA) und Karen Holtzblatt (Digital Equipment Corporation; dann InContext Enterprises; Concord; MA; «Contextual Design: Defining Customer-Centered Systems», Morgan Kaufmann, 1998) entwickelten Contextual Inquiry als systematische Feldforschungsmethode: Contextual Inquiry kombiniert Beobachtung (ethnografisch; Nutzer bei Arbeit beobachten) mit Interview (Nachfragen im Kontext der Beobachtung); Master-Apprentice-Modell: Nutzer ist Experte für seine Arbeit; Forscher ist Lernender; vier Designprinzipien: Context (im echten Arbeitsumfeld); Partnership (kollaborative Erkundung); Interpretation (Forscher interpretiert im Dialog); Focus (geführt durch Research-Fragen); DEC nutzte Contextual Inquiry um die Workplace-Design-Probleme bei Unternehmens-Software zu verstehen; Methodik wurde später von IDEO und HCI-Akademie übernommen. Erika Hall (Mule Design; San Francisco; CA; «Just Enough Research», A Book Apart, 2013; zweite Auflage 2019) popularisierte pragmatisches User Research für kleine Teams und Startups: Hall's Kernargument: die häufigsten Design-Fehler entstehen nicht aus zu wenig Technologie sondern aus falschen Annahmen über Nutzer; «Just enough research» bedeutet so viel Forschung wie nötig um die wichtigsten Annahmen zu validieren; Hall definierte vier Research-Typen: Generativ (neue Probleme entdecken); Deskriptiv (existierenden Zustand beschreiben); Evaluativ (Design-Lösungen bewerten); Kausal (Ursache-Wirkung nachweisen). Teresa Torres (Produktberaterin; «Continuous Discovery Habits: Discover Products That Create Customer Value and Business Value», Product Talk Press, 2021) revolutionierte User Research für agile Produktentwicklung durch das Continuous-Discovery-Framework: wöchentliche Nutzer-Gespräche (mindestens 1 Gespräch pro Woche); Opportunity-Solution-Tree als strukturiertes Entscheidungs-Werkzeug; kleine schnelle Tests statt großer Research-Projekte; Research als kontinuierliche Praxis nicht als Projektphase; Torres-Konzept wurde zu einem der meistzitierten Frameworks in modernem Produkt-Management und UX. Judd Antin (Yahoo Research; dann Facebook; Meta; Menlo Park; CA; «Research Debt», UX Collective 2018) beschrieb das «Research Debt»-Problem in Tech-Unternehmen: Teams sammeln zu viele unstrukturierte Research-Insights ohne systematische Verwertung; Insights veralten; Wissen geht verloren wenn Team-Mitglieder das Unternehmen verlassen; Lösung: strukturierte Research-Repositories (Dovetail; Airtable; Notion-Datenbanken) als Single Source of Truth für Research-Erkenntnisse.

Research-Methoden und Durchführung

Research-Rekrutierung, Repository und Continuous Discovery
  • Rekrutierung und Participant-Screening: Rekrutierungs-Kanäle: interne Kunden-Datenbank (mit DSGVO-Einwilligung; beste Repräsentativität); UserInterviews.com (San Francisco; CA; 2015; spezialisierte Research-Rekrutierungsplattform); Respondent.io; UserTesting.com Panel; Prolific Academic (Oxford; UK; 2014; akademisches Nutzer-Panel; diverse demografische Stichproben); Social Media; LinkedIn für B2B-Zielgruppen; Screening-Kriterien: Zielgruppen-Definition (demografisch; psychografisch; Verhaltens-basiert); Screener-Fragebogen mit Qualifikations-Fragen; False-Positives ausschließen (Nutzer die Research täuschen um Incentive zu erhalten); Incentives: Geld-Incentive ($50–$150 pro Stunde je Zielgruppe und Komplexität); Amazon-Gutscheine; Produktrabatte; Diversität: bewusst verschiedene Nutzer-Typen einschließen (Novize/Experte; jung/alt; verschiedene Einschränkungen; verschiedene Geräte); Nielsen's Warnung (2000): 5 Nutzer aus gleicher Gruppe; nicht 5 Nutzer aus verschiedenen Gruppen für ein Problem
  • Research-Repository und Insight-Management: Research-Repository-Konzept (Judd Antin; Andrea Drugay; Airbnb; 2020): strukturierte Datenbank aller Research-Insights; verhindert Research-Debt; ermöglicht Wiederverwendung; Cross-Team-Wissenstransfer; Tools: Dovetail (Sydney; Australien; Benjamin Humphrey/Bradley Ayers; 2017; dovetailapp.com): Video-Highlights; Tagging; Thematische Analyse; Insights-Repository; Airtable (San Francisco; CA; 2012) als flexible Datenbank; Notion für strukturierte Research-Dokumentation; Confluence für Enterprise-Teams; Research-Insight-Struktur: pro Insight: Datum; Studie; Teilnehmer-Segment; Beobachtung (was passierte); Interpretation (was bedeutet es); Empfehlung (was sollte getan werden); Evidenz-Level (direkte Beobachtung vs. Nutzer-Aussage vs. Vermutung); Continuous Discovery (Teresa Torres; 2021): wöchentliche Nutzer-Gespräche als Routine; nicht als Projekt; Opportunity-Solution-Tree: Desired Outcome → Opportunities (Nutzer-Probleme) → Solutions (Feature-Ideen) → Experiments (Hypothesen-Tests); verhindert dass Teams Lösungen bauen ohne Probleme zu verstehen
Praxistipp: Der schnellste Einstieg in User Research für Teams die bisher kaum forschen: starten Sie mit 3 Nutzerinterviews (je 45 Minuten; per Zoom) mit echten Bestandskunden. Fragen Sie nur: «Beschreiben Sie mir das letzte Mal als Sie [Kernaufgabe in Ihrem Produkt] erledigt haben – von Anfang bis Ende.» Hören Sie zu; fragen Sie nach («Warum haben Sie das so gemacht?»; «Was war dabei schwierig?»); machen Sie keine Produktvorstellung. Drei Interviews werden mindestens ein Problem zeigen das Sie nicht wussten und das die nächsten 6 Monate Produkt-Roadmap beeinflusst. Das ist der ROI von Research: nicht die perfekte Methode; sondern überhaupt mit echten Nutzern sprechen.